Keine EEG-Vergütung für Juni 2021 – leider geil

Für den Juni 2021 werden viele Anlagenbetreiber keine EEG-Vergütung von ihrem Verteilnetzbetreiber erhalten. Liest ist auf den ersten Blick erschreckend, ist aber eine spannende und positive Entwicklung. Vom Verteilnetzbetreiber 0,00 Cent Vergütung zu erhalten- das kennen viele Betreiber von Photovoltaik-Freiflächenanlagen mit niedrigen Zuschlägen aus den Ausschreibungen schon länger. Das erstmalige Auftreten dieser Marktsituation wurde noch Anfang 2019 als „historisches Ereignis in Brandenburg gefeiert“. https://www.pv-magazine.de/2018/10/12/erste-photovoltaik-ausschreibungsanlage-kommt-ohne-marktpraemie-aus/ Mit dem Monat Juli 2021 werden diese Erfahrung auch die Betreiber vieler Dachanlagen über 100 Kilowatt und auch der bis zu 750 Kilowatt großen PV-Freiflächenanlagen machen. Gerade für die nicht- professionellen Betreiber sicher eine zunächst sehr irritierende Erfahrung.

Wovon rede ich?

Alle Anlagen über 100 Kilowatt nehmen an der verpflichtenden Direktvermarktung teil und erhalten mit der Ausnahme der Anlagen aus den Innovationsausschreibungen folgende Bestandteile als Vergütung: a) den Marktwert Solar plus b) die gleitende Marktprämie (salopp die EEG-Vergütung). Damit ist den Betreibern eine Mindestvergütung für den von Ihnen erzeugten Solarstrom garantiert.

Erstmalig im Juni 2021 ist der Marktwert Solar (mehr hier: https://www.netztransparenz.de/EEG/Marktpraemie/Marktwerte) auf über 6,84 Cent/Kilowattstunde gestiegen und somit deutlich über die garantierte Vergütung viele Anlagen aus den Ausschreibungen aber auch aller Dachanlagen größer 100 Kilowatt seit Dezember 2020. Und daher erhalten sie „nur“ den Marktwert Solar und keine EEG-Vergütung (gleitende Marktprämie).

Ich verwende in letzter Zeit oft den Begriff epochal und ich denke auch für diesen Moment ist er passend. Solare Dachanlagen und ihre Vergütung sind also nun erstmals unter den Marktwert gefallen, eine Entwicklung die wir bei Photovoltaik Freiflächenanlagen schon im Oktober 2018 erstmals hatten. Bemerkenswert ist auch, dass wir in Juni 2021 einen Rekord von 20prozentiger solarer Deckung des heutigen dt. Strombedarfs https://energy-charts.info/charts/renewable_share/chart.htm?l=de&c=DE&interval=month&share=solar_share hatten. Dennoch gab es fast kein negativen Preisstunden, nur wenige Stunden wurde dies erreicht und zeigt welche hohe Flexibilität trotz aller Versäumnisse schon da ist.  https://energy-charts.info/charts/price_spot_market/chart.htm?l=de&c=DE&interval=month&month=06

Trotz der hohen Einspeisung aus den Solaranlagen konnte das System so ausbalanciert werden, dass die solaren Mengen auch wirklich genutzt werden konnten. Man sieht, so was geht und wird in naher Zukunft noch einfacher, wenn endlich der gezielte Rollout von Speichern die teilweise lachhaften Diskussionen um die Netze verändern wird. Ich meine damit, dass neue Netzplanungen endlich Speicher mit verschiedenen Rollen integrieren müssen, da ist bislang Fehlanzeige obwohl große Speicher schon jetzt marktfähig sind.

Etliche Freilandanlagen und nun auch neuere Dächer damit in der Lage den noch immer fossil-nuklear geprägten Markt zu schlagen. In Deutschland. Und Mitte Juli 2021 liegen die Spotmarktpreise an der EEX https://www.epexspot.com/en sogar noch deutlich über den Marktwerten Solar und dem Referenzwert des „normalen Strommix“ für Juni 2021. An Spitzentagen wurden über 12 Cent/Kilowattstunde Börsenpreis aufgerufen. Was auch interessant ist: Die wettbewerblich ermittelten Werte für neue Dachanlage in lagen in der aktuellen Ausschreibungsrunde bei 6,88 Cent/Kilowattstunde, also etwa auf dem Marktwert Solar im Juni 2021. https://www.pv-magazine.de/2021/07/15/durchschnittlicher-zuschlagswert-bei-erster-ausschreibung-von-photovoltaik-dachanlagen-bei-688-cent-pro-kilowattstunde/

Jetzt kann man natürlich sagen das wir diversen Sondereffekte im Strommarkt https://www.pv-magazine.de/2021/07/02/preise-an-der-stromboerse-mit-70-euro-pro-megawattstunde-so-hoch-wie-lange-nicht-mehr/ haben (also hohe Spotmarktpreise für Gas und Kohle), aber der für diese überraschend schnelle Entwicklung auch wesentliche CO2 Preis soll in Zukunft eher noch deutlich weiter steigen als er heute ist (50 Euro/ Tonne CO2). Auch erkennt man einmal mehr, wie schnell sich Preise für fossile Energieträger ändern können, gerade auch für die propagandistisch total überhöhten Nicht-Brückentechnologie Gas. Und dann steigen die Strompreise und ein Aufschrei geht durch die deutsche Wirtschaft. Denn anders als die Endverbraucher zahlen dort Großverbraucher den Strompreis nahezu „pur“ und nicht mit der EEG-Komponente. Die EEG- Umlage müsste nun auch fallen, sofern der Strompreis an der Börse hoch bleibt. Allerdings wurde die Umlage 2020 erstmals aus dem Bundeshalt gestützt und man muss nun sehen wie die Politik auf die Situation reagiert – denn fällt die EEG-Umlage nicht, weil zunächst nur der Zuschuss aus dem Bundeshalt verringert, dann gibt es 2022 wohl für viele eine deftige Strompreiserhöhung. Das wäre dann exakt die gegenteilige Botschaft von dem was sich eben ereignet: Solarstrom macht die Preise an der Börse eher billiger und benötigt zudem deutlich weniger aus der EEG-Umlage. Mal sehen wie sich das entwickelt, es könnte durchaus noch ein starkes Thema in der Endphase des Bundestagswahlkampfes werden.

Eine schlechte Idee zeigt nun auch beeindruckend, wie schlecht sie ist: Neben der gleitenden Marktprämie für das Gros im Solarbereich gibt es in der fossilen KWK-Förderung und auch in den Innovationsausschreibungen keine gleitende, sondern ein fixe Marktprämie. Das heißt auf dem Marktwert an der Börse gibt es immer den gleichen Betrag obendrauf – das sind nun zum Teil atemberaubende Werte – auch für fossile Kraftwerke. Hier wurde in Zeiten extrem niedriger Börsenpreise oft argumentiert, dass man mit dieser Art der fixen Förderung eben weniger Förderung gibt als mit den gleitenden Marktprämie. Für mich schon immer eine gigantische Augenwischerei: Denn es war lange klar, dass die CO2-Preise steigen werden und damit die Börsenpreise. Und so wurde in den Bereichen der fixen Marktprämie auch geboten geplant – und der Gruppe der „Marktideologen“ im Bundeswirtschaftsministerium und den Parteien war das auch recht so. Sieht zunächst billig aus, ist aber viel teurer als die gleitende Marktprämie. Aber vielleicht ändert der Juni 2021 nun die Sicht darauf – mal ganz abgesehen davon, dass jede Förderung fossiler und nicht nachhaltig zu erzeugender Energieträger sofort beendet werden muss.

6 Kommentare

  1. Hallo Kalle, wieder einmal hast Du die Situation im Markt auf den Punkt gebracht, Danke für den Beitrag. Ich hoffe einmal die Wahl wird zu Gunsten des Klimaschutzes entschieden und wir können dann eine Politik sehen, welche die Interessen der Gesellschaft in den Vordergrund stellt. Wie vernetzt Kreise und Kommunen mit Energiebetreibern z.B. in NRW sind zeigte kürzlich eine Untersuchung von “Correctiv” (siehe https://correctiv.org/aktuelles/2021/07/09/nrw-so-profitieren-kommunen-von-klimaschaedlicher-kohle/). Die lokale Politik ist sicherlich in dieser Kenntnis, nur so kann man die langsame Umsetzung z.B. in NRW erklären… . Es gibt Länder, da wird es Pflicht auf allen staatlichen Gebäuden Solaranlage zu installieren (sofern statisch möglich) das ginge sicherlich auch bei uns.
    Die erneuerbaren Energien sind bei der Energieerzeugung “first choice” aus Kostengründen. Dies haben viele Akteure schon verstanden und das ist die eigentlich die beste Tatsache. Mit der Verwendung von MWh Speichern können sie Kosten des Netzausbaus deutlich reduziert werden und die Abhängigkeit auch vom
    Gas schnell reduziert werden. Damit könnte sich Deutschland in Energiefragen mittelfristig unabhängiger machen und bei der “Geopolitik” mehr und mehr ausklinken…

  2. Vielen Dank lieber Kalle für diesen erstaunlichen und erfreulichen Praxiseinblick.

    Es wird deutlich, wie die Preismechanismen mit der Grenzkosten basierten Kraftwerkseinteilung durch die Merit-Order auf das gesamte Markt- und Preisgefüge des Energiesystems wirken. Nicht nur diese Mechanismen sind komplex, das EEG selbst ist in den letzten 10 Jahren mit komplexen Tatbeständen aufgebläht worden. Wer will da noch vollständig durchblicken?
    Die einfache Botschaft ist: Der CO2-Preis wirkt wie gewünscht!
    Jetzt müssen wir nur noch die industrielle und gewerbliche Wertschöpfung für die Erneuerbaren Energien zurück in unsere Volkswirtschaft holen. Und dann… bauen, bauen, bauen und grünen Strom ernten.

    Herzliche Grüße
    Lars Waldmann

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